Potenzial

Beginnen wir mit einem Beispiel aus der Schule:

Eines Tages kam unser Beratungslehrer besorgt auf mich zu, weil die Klasse mit Manuel, einem 14-jährigen Jungen, nicht zurechtkam:

Ohne erkennbaren Grund wurde er plötzlich wütend, wobei er auch Schimpfwörter benutzte, was selbstverständlich die Empörung der Mitschüler und Lehrer hervorrief. Nichts half: weder gute Worte noch Strafandrohungen und sogar ein möglicher Schulverweis konnten etwas ausrichten – und allmählich waren auch die Eltern mit ihrem Latein am Ende.

Was war zu tun?

Zuerst hospitierte ich im Unterricht und beobachtete die Gruppendynamik, dann führten Manuel und ich ein Gespräch unter vier Augen, wobei ich gelenkte Fragen zum Persönlichkeits-Enneagramm stellte und seine Antworten auswertete und darüber einen Potenzial-Bericht abfasste. Danach besprachen wir ihn und ich händigte ihn allen Beteiligten in einem Beratungsgespräch schriftlich aus, also auch seinen Eltern, der Schulleitung und den beteiligten Lehrern.

 

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Mit welchem Ergebnis?

Es wurde klar, dass Manuel, ein zurückhaltender Junge mitten in der Pubertät, nicht gerne im Rampenlicht stand und alles andere als ein Klassenprimus aus der ersten Reihe war. Er ließ gerne andere die Initiative ergreifen, während er mit seiner wachen Beobachtungsgabe die Rolle des „guten Zuhörers“ übernahm.

Dieses Schülerverhalten entsprach eigentlich nicht der Unterrichtskonzeption, wonach auf einen Impuls des Lehrenden hin eine Schüleraktivität vorgesehen war und da sein Verhalten nicht in die Denkschablone von Unterricht und der jeweiligen Rolle ihrer Akteure passte, wurde er als unmotivierter, lernfauler und mental zurückgebliebener Schüler bewertet, den man besser links liegen ließ.

Da sich also weder Lehrer noch Mitschüler mit ihm abgaben, ihr kollektives Vorverständnis nicht in Frage stellten, sondern ihn demgemäß als Spielverderber negativ beurteilten, fühlte er sich nicht als Subjekt wahrgenommen und verstanden, während er sich doch in seiner Zurückhaltung lebhaft für die Persönlichkeit seiner Mitschüler und die seiner Lehrer interessierte!

Dieses Missverstehen und diese mangelnde Empathie der Klasse und der Lehrer seiner Person gegenüber erschienen ihm ungerecht und ihre Sichtweise unverständlich: Das Wahrnehmen und Verstehen der Schülerpersönlichkeit als Mitspieler eines Unterrichtsszenarios, das ihn brennend interessierte, war offensichtlich gar nicht angesagt, vielmehr ging es darum, die richtige Schülerrolle in einem Unterrichtsgeschehen zu spielen, das einem vorgegebenen Curriculum zufolge inszeniert wurde.

So fühlte er sich missverstanden, kollektiv falsch eingeschätzt und nur als Objekt eines von ihm nicht zu beeinflussenden Geschehens im Klassenzimmer; all diese Fehleinschätzungen und Ungeklärtheiten ihm gegenüber empfand er als Demütigung seiner Person. Diese schulische Situation mit ihren Akteuren widersprach grundsätzlich seiner Vorstellung von einem selbstwirksamen und sinnvollen Lernprozess, er sprach von ‚Wahrheit und Gerechtigkeit‘, die er dort nicht fand – und die Verzweiflung darüber ließ ihn gelegentlich Wut und Zorn empfinden. Zwar versuchte er, seine negativen Gefühle zu unterdrücken, bis sie dann doch plötzlich auf vulkanische Weise ausbrachen. Wieder erntete er auf sein ungehöriges Verhalten hin Kritik, Unverständnis und Ablehnung. Da er offensichtlich etwas an dem Lernort Schule suchte, was kein anderer so verstand, gab er sich selbst die Schuld für sein Fehlverhalten, was zu Selbsterniedrigung, Selbsthass, Zynismus und zu selbstaggressiven Handlungen führte.

Am Ende, wie gesagt, reagierte er mit Abstinenz und galt als mittelmäßiger Schüler, der schnell übersehen wurde, keine Freunde hatte und sogar Opfer von Mobbing wurde, so dass er immer mehr Ängste entwickelte. Folglich war sein Leitsatz im Leben: „Ich muss mich zurückziehen, sonst gibt es einen Konflikt und ich werde abgelehnt.“

Aber in Wirklichkeit war es sein großer Wunsch, den Menschen zu helfen, einander besser zu verstehen. Er wollte in die Fußstapfen große Psychologen treten, mit denen er sich privat lesend und im Internet recherchierend beschäftigte; er wollte als Vermittler und Friedensstifter wirken und sich für eine humanere Welt einsetzen.

Wie anders wäre es gewesen, wenn seine Lehrer sich ein wenig für sein psychologisches Potential interessiert hätten, von dem die Franziskaner Rohr und Ebert sagten, dass „Menschen wie ihm die Welt mit gutem Gewissen und ohne Angst, sich zu bereichern oder andere auszubeuten, anvertraut werden könnte. Solche Menschen könnten vielleicht die Welt retten. (Rohr,Ebert, Das Enneagramm: Die neun Gesichter der Seele, S.231).

Und so kam es denn auch:

Zuerst herrschte Erstaunen angesichts der Kenntnisse, die eine Enneagramm-Analyse erbringen kann, danach Betroffenheit über die fehlende Achtsamkeit in der Kommunikation und Interaktion im Klassenzimmer. Man erkannte, dass man dem ‚Fehler‘ im System keine wirkliche Aufmerksamkeit geschenkt, sondern dem eigenen Selbstverständnis gemäß nur auf ihn reagiert hatte. Nun nutzte man ihn, um umzudenken: Die Lehrer änderten ihre Einstellung zu Manuel und entwickelten ein bewussteres Verhalten ihm gegenüber im Klassenzimmer, banden ihn nun als Persönlichkeit mit psychologischen Potenzialen ins Unterrichtsgeschehen ein. Infolgedessen wurde er nach und nach seinem Talent entsprechend zu dem Unterrichtsgeschehen befragt, wozu ihm besonders im Literaturunterricht Raum gegeben wurde; mit entsprechenden Arbeitsaufträgen wurde er in Arbeitsgruppen integriert, so dass er Selbstwirksamkeit zu erfahren begann und der Unterricht durch seine Beiträge aus neuen Perspektiven bereichert wurde. Darüber hinaus einigten sich Manuel und seine Eltern auf ein spezifisches „Potenzialtraining“ in privatem Raum zur Stärkung seiner Selbstwahrnehmung und seines Selbstwertgefühls.

Außerdem beschloss Manuel, an Projekten in Zusammenarbeit mit sozialen Trägern teilzunehmen, was ihm die Möglichkeit gab, sich für Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen und sich selbst als Vermittler und Friedensstifter zu erleben. Er konnte dann spüren, dass andere an ihn glaubten, was ihn davon überzeugte, dass er in der Lage war und ist, die für sich gefundene Aufgabe seines Lebens zu erfüllen.