LogotherapieLogotherapie

Ich möchte die Antwort sofort vorwegnehmen: Logotherapie sollte in der Pädagogik angewendet werden, weil sie die richtigen Fragen stellt und bei deren Beantwortung wegführend ist. Dies sind die Fragen nach dem Sinn unserer Existenz, nach dem Sinn des Lernens, denn, so Viktor Frankl: „In der Erkenntnis des Sinns verwirklicht sich der Mensch.“

Wenn wir hören, dass sich ein Drittel aller Mädchen selbst verletzt, dass Selbstmorde in der Pubertät zunehmen, dann könnte dies damit zu tun haben, dass etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung keinen tieferen Sinn im Leben finden kann und „existenziell gleichgültig“ ist, weil sie das Gefühl haben, wenig Kontrolle über ihr eigenes Leben zu haben und weil sie sich infolgedessen wenig für ihre eigenen Interessen oder die anderer einsetzen. Manche Menschen wissen nicht einmal, was „Sinn“ bedeutet. Viele gehen sogar so weit zu sagen: „Das Leben ist eine Strafe. Nichts macht Sinn“. (Esty Quesada, El Pais, 24. Mai 2020, S.50)

Wenn die Elterngeneration so orientierungslos ist, wie kann man sich dann als Teenager fühlen, der angetreten ist, in seinem Leben eine Aufgabe zu erfüllen? Warum, wenn alles so sinnlos ist, soll man in der Schule und später im Beruf gute Leistungen erbringen? Soll man sich bemühen und Engagement zeigen, nur wegen des Geldes? Gibt es nichts mehr im Leben? Und wenn Jugendliche im materiellen Wohlstand leben und alles haben, sind Sie dann glücklich? Angesichts des Drogenkonsums, der in wohlhabenden Kreisen üblich ist, ist das wohl nicht der Fall.

Offensichtlich ist also die mangelnde Orientierung an den Werten der Elterngeneration ausschlaggebend, wenn es darum geht zu begreifen, dass die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen laut der oben erwähnten Studie bei fast 50 Prozent liegt.

Und dabei scheint die Schule auch nicht sonderlich Abhilfe zu schaffen, wenn José Luis Bonet, Präsident der spanischen Handelskammer, klarstellt: „Spanien versagt im Wesentlichen, in der Werteerziehung!“

Viktor Frankl prägte dazu den Begriff der „existentiellen Verwahrlosung inmitten des Überflusses an materiellen Gütern“ und C.G. Jung erklärte: „Die Neurose ist ein Leiden der Seele, die die Bedeutung für den Sinn des Lebens nicht gefunden hat.“

Der Gesellschaft fehlen heute die Referenzsysteme, die die Kirche oder der Staat früher zur Verfügung gestellt haben. In den Massenmedien wird ständig über westliche Werte gesprochen, aber diese sind etwas entleert worden, wie es z.B. bei beleidigenden und negativen Kampagnen in den sozialen Medien der Fall ist.

Was ist wohl der Wert eines Menschen?

Museo Es Baluard, Palma de Mallorca (privates Foto)

Viktor Frankl, Begründer der 3. Wiener Schule für Psychologie, Logotherapeut und Leiter der ersten Jugendberatungsstelle in Wien Anfang der 1930er Jahre, verstand, dass junge Menschen aufgrund von ethischem, moralischem und Werteverfall an Symptomen der Depression litten, weil er diese selbst in fünf Konzentrationslagern erlebt hatte. Aber er war auch überzeugt, dass der Mensch widrige Situationen ertragen kann, wenn er den Sinn seiner existentiellen Erfahrung versteht. Denn nach Frankl ist der Mensch ein geistiges Wesen und als solches das Subjekt seines Lebens, geprägt von der Freiheit seines Willens, dem Willen, seinem Leben Sinn zu geben, und dem Willen, ihn in seiner Existenz zu verwirklichen, – im Alltag, also auch in der Schule.

Und es besteht kein Zweifel: Eltern und Lehrer haben die Pflicht, den Schülern zu helfen, den Sinn zu finden, warum sie leben und studieren sollen, wobei sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen sollten.

Junge Menschen müssen ihre innere Verankerung in sich selbst finden, damit sie sich schweren Lebenssituationen stellen können. Dann wird dieser innere Anker zu einer Kraft des „Trotzdem“, er gibt ihm Halt, weiter zu leben, zu

lieben, zu kämpfen, denn er weiß aus eigener Erfahrung, dass er mehr ist als die äußeren Umstände.

Aus diesem Grund ist die Logotherapie in der Erziehung unentbehrlich geworden, weil sie es versteht, Fragen zu stellen und Lösungen für unsere lebenswichtigen Konflikte zu finden.

Sie reicht uns den Schlüssel zum Verständnis des Menschen nach Körper, Seele und Geist, weil sie eine integrale Wissenschaft darstellt, die Psychologie, Anthropologie und Philosophie verbindet; sie sieht den Menschen als Subjekt und nimmt ihn mit auf eine innere Reise zu seinem menschlichen Potenzial und seiner Würde, lässt ihn seine innere Freiheit entdecken, die darauf abzielt, die menschliche Seele durch das Erkennen des Sinns im Dasein zu stärken – so wie Einstein es ausdrückte: ‘Wenn du ein glückliches Leben führen willst, dann binde es an ein Ziel, nicht an eine Person oder ein Objekt.’

Es mag sein, dass Viktor Frankls Menschenbild und der verbindliche Wertekanon Schwierigkeiten bereiten und zu keinem gesellschaftlichen Konsens führen, was in unserer Zeit der Parallelgesellschaften und -kulturen zweifelsohne ein Problem ist. Aber dennoch glaube ich, dass wir eine humanistische Ethik als Grundlage unserer Pädagogik haben sollten, uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnten, nämlich die bereits erwähnte humanistische Ethik. Manchmal denke ich, dass wir zivilisatorisch bei Null stehen und dass es nur noch besser werden kann:

 

Museo Es Baluard, Palma de Mallorca (privates Foto)